Donnerstag, 24. März 2011

Manche Sünden wiegen schwer - Geständnis eines FDP-Wählers

Ich gestehe - ich habe etwas Schlimmes getan. Ich meine damit keinen Kleinkram wie die Tatsache, dass für mich in meiner Jugend Knight Rider die beste aller möglichen Fernsehserien im gesamten Universum war, oder dass ich tatsächlich mal Europe für gute Musik gehalten habe. Die Sünde, über die ich sprechen möchte, wiegt schwerer. Und sie schmerzt mich jeden Tag aufs Neue, wenn ich mich durch die Medien klicke. Schande über mich.

Ich habe bei der letzten Bundestagswahl die FDP gewählt.

So, jetzt ist es raus - aber vielleicht kann ich meine Tat ein wenig entschuldigen, wenn ich erkläre, wie ich zu dieser heute gänzlich unglaublich Wahlentscheidung gekommen bin.

Ich bin eigentlich ein extrem politischer Mensch. Ich stamme aus einem klassischen Bildungsbürger-Haushalt, und so wurde ich bereits in meiner Kindheit ständig mit Gesprächen über Politik konfrontiert - und wenn ich nicht gerade mit Knight Rider, Hard Rock oder der generellen Pubertäts-Rebellion beschäftigt war, fand ich das alles sogar recht interessant.
Dann wurde ich 18 und durfte wählen. Unglaublich aber wahr: Ich hatte mich tatsächlich darauf gefreut, das Land ein wenig mitzugestalten. In einem kleinen Rahmen zwar, aber immerhin.

Ich wählte natürlich grün. Meine Pubertät war noch nicht vorbei, ich war ein Langhaariger, Anzugträger waren mir ein Gräuel, Helmut Kohl das perfekte Feindbild, und Auto hatte ich auch noch keines. Da kamen mir die Grünen gerade recht. 5 DM für einen Liter Benzin? Aber klar, immer her damit.

Dann kam das Jahr 1998, und ich wurde den Grünen untreu: Ich wählte die SPD. Allerdings aus einem höchst pragmatischen Grund, schließlich wollte ich die Ära Kohl beenden - und da schien es mir geschickter, meine Stimme der SPD zu geben. Hat ja auch hervorragend funktioniert. Dass diese Wahlentscheidung mein erster Schritt zu einer langjährigen Karriere als Nichtwähler war, war mir zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht klar.

Mittlerweile war ich 24 und sah die Welt mit etwas anderen Augen - und das nicht nur, weil ich das Benzin, das ich verfuhr, nicht mehr generell von meinen Eltern bezahlen lassen konnte.

Die Freude über das Ende der Ära Kohl währte nicht allzu lange, denn schnell erkannte ich, dass sich eigentlich nicht wirklich etwas geändert hatte. Ich musste miterleben, wie die Grünen ein Wahlversprechen nach dem anderen opferten. Einerseits, weil sie schlicht und einfach der kleinere Koalitionspartner waren. Andererseits - und das war wesentlich schlimmer - aus reinem parteipolitischen Kalkül. Sie waren in der Welt der Großen angekommen, und da ging man Deals ein. Auch wenn diese Deals nur noch entfernte Ähnlichkeit mit den eigenen Idealen hatten.
Selbstverständlich war mir auch damals schon klar, dass man Kompromisse eingehen muss; nur die Leichtigkeit, mit der die Grünen ihre politischen Ideale über Bord warfen, entsetzte mich.

Ich hatte die politische Landschaft verändern wollen - und letztlich blieb doch alles gleich. Der Filz und die Vetternwirtschaft des Systems Kohl setzte sich mit rot-grünem Anstrich fort. Und als dann kurz nach dem dem Regierungswechsel 2005 Schröder seinen Wechsel in den Vorstand eines Tochterunternehmens des russischen Mineralölkonzerns Gazprom bekannt gab, wurde mir klar: Nichts ändert sich.

Ich sehe das so: Als kleine Partei mag man noch so ehrenhafte Ziele haben. Um aber in eine Position zu kommen, in der man diese Ziele durchsetzen durchsetzen könnte, muss man so viele Kompromisse eingehen und so vielen Interessensgemeinschaften einen Gefallen tun, dass man letztlich so wird wie Diejenigen, die man politisch immer bekämpft hat.
Mit anderen Worten: Wenn man irgendwann ganz oben dabei ist, hat man seine eigenen Ideale schon so sehr verraten, dass sie politisch ohnehin nicht mehr zu verwirklichen sind.

Und so wurde ich zum Nichtwähler.

Naja - bis ich dachte, die FDP wäre die politische Rettung dieses Landes.

Es war 2009. Die langen Haare waren schon lange ab, auf gewisse Weise bin ich mittlerweile selbst ein Anzugträger (bei bestimmten Gelegenheiten zumindest), die Grünen hielt ich schon seit rund zehn Jahren nicht mehr für wählbar, und ich hatte die Schnauze gestrichen voll von der schwarz-roten Dauerblockade im Bundestag.

Ich habe die FDP übrigens nicht wegen ihrer Wahlversprechen gewählt, schließlich überdauern diese Versprechen im Normalfall nicht einmal die Plakate, auf die sie gedruckt waren. Ich dachte einfach nur, mit schwarz-gelb ginge in Deutschland endlich wieder einmal etwas voran - indem zwei Parteien, die politisch einigermaßen auf der gleichen Linie liegen, gemeinsam an einem Strang ziehen. Hätte ich allerdings geahnt, dass die FDP - beflügelt von ihren fast 15% - die Regierungsarbeit wesentlich effektiver blockieren würde, als das die SPD jemals geschafft hatte, ich wäre daheim geblieben.

Aber ich habe meine Lehre daraus gezogen: Ich kehre zurück ins Lager der "aktiven Nichtwähler", wie ich sie nenne. Menschen, die politisch interessiert sind, die aber dennoch (oder gerade deswegen) den Glauben in das politische System, oder eher in die Möglichkeit einer politischen Veränderung verloren haben.

Bis irgendwann die nächste Partei auf der Bildfläche erscheint, die etwas verändern könnte. Und diese Partei wird es - im Gegensatz zu anderen - sicherlich schaffen, wirklich etwas zu verändern.


Selten so gelacht.

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