Dienstag, 21. Juni 2011

In Afrika verhungern die Kinder!

Ryan Dunn ist tot.

Ryan Wer?

Dunn war Bestandteil der Jackass-Crew - dem ausgesprochen schmerzfreien und zweifellos leicht geisteskranken Haufen, der Anfang des Jahrtausends auf MTV sein Unwesen getrieben und mit diversen masochistischen Stunts durchaus den einen oder anderen Zuschauer zum Lachen gebracht hat.
Nun ist er tot. Gestorben im Alter von 34 Jahren hinter dem Steuer seines Porsche, als er offensichtlich unter Alkoholeinfluss die Kontrolle über den Wagen verlor - und zu allem Überfluss ließ bei dem Unfall auch Dunns Beifahrer sein Leben. Dennoch war Dunn (in bestimmten Kreisen zumindest) eine bekannte Persönlichkeit, und wie das beim Tod bekannter Persönlichkeiten eben so ist, ließen die Nachrufe im Internet nicht lange auf sich warten.

Kaum allerdings liefen die ersten Trauermeldungen über Facebook, Twitter & Co., da stand die Opposition schon auf der Matte. Nein, nicht die politische Opposition. Sondern die Moralkeulen-Fetischisten. Kurz gesagt: Die Gutmenschen. Leute, die sich zutiefst entsetzt zeigten, dass es tatsächlich Personen gibt, die den Tod von Ryan Dunn betrauern - obwohl sich in Japan eine Katastrophe unfassbaren Ausmaßes ereignet hat und sich in Fukushima noch immer ereignet.

Nicht anders war es auch beim Tod des jungen Eisbären Knut, der dummerweise nahezu zur gleichen Zeit wie einige zehntausend Japaner gestorben ist. Denen, die es gewagt haben, tatsächlich um den Bären zu trauern, schlug besonders bei Twitter ein regelrechter Sturm der Entrüstung entgegen.

Dabei ist Japan als Moralkeulen-Aufkleber noch ziemlich neu - früher war  das anders.

Früher hieß es "in Afrika verhungern die Kinder!", und es gibt wenige Aussagen auf diesem Planeten, die mich so schnell auf die Palme bringen wie dieser Satz.

Warum mich das so unendlich aufregt? Weil es keine arrogantere, unreflektiertere Reaktion auf ein persönliches Problem, eine Meinungsäußerung oder eine Trauerbekundung gibt. Dieser Satz unterstellt dem Angesprochenen eine schier unglaubliche Oberflächlichkeit und spricht ihm oder ihr gleichzeitig die Fähigkeit ab, zu differenzieren. Sie unterstellt, dass eine Person nicht in der Lage ist, sich gleichzeitig von Hungersnöten, Erdbeben, Atomkatastrophen - und dem Tod von verrückten Nischen-TV-Stars oder kleinen Eisbären bewegen zu lassen.

Und es regt mich auf, weil Menschen, die derartige Sätze sagen, sich moralisch über ihre Mitmenschen stellen und nicht zu begreifen scheinen, dass Probleme, Leid, Anteilnahme und Trauer relativ und subjektiv sind.
Als beispielsweise vor einigen Jahren meine Meerschweinchen nacheinander alt wurden und gestorben sind, sind garantiert in gleichen Moment irgendwo auf der Welt hunderte Menschen vergewaltigt, gefoltert, hingerichtet oder einfach durch einen schrecklichen Unfall getötet worden - trotzdem habe ich um meine Meerschweinchen geweint. Um jedes einzelne. Nicht um die Menschen. Die Menschen haben mich in diesem Moment nicht die Bohne interessiert. Bin ich deswegen ein schlechter Mensch?

Würde ein Mensch zu einem Freund, der gerade seine Frau bei einem Autounfall verloren hat, sagen "Jetzt bleib mal locker, in Japan sind Zehntausende gestorben."? Oder etwas weniger drastisch: Käme eine Mutter auf die Idee, nach der Auflösung von Take That den Weinkrämpfen ihrer Tochter zu begegnen, indem sie zu ihr sagt: "Jetzt stell Dich nur wegen einer Band mal nicht so an - in Afrika verhungern die Kinder!"
Nein, denn die meisten Menschen würden in der Situation (hoffentlich) begreifen, dass in diesem konkreten Moment für einen anderen Menschen eine Welt zusammengebrochen ist - und nur das zählt. So unwichtig der Anlass der Trauer für Außenstehende auch sein mag. Und ich bemitleide die Menschen, die das tatsächlich nicht erkennen.

Darüber hinaus vergessen die selbsternannten Moralapostel einen ganz wichtigen Punkt: Sie handeln eigentlich nicht konsequent. Denn würden sie konsequent handeln, müssten sie sich ihre unendliche Trauer über das Leid auf der Welt selbst ständig vor Augen halten und sich entsprechend verhalten. Nicht mehr lachen, wenn jemand einen Witz erzählt (schließlich verhungern gerade Kinder in Afrika). Nicht mehr ausgehen (schließlich geben gerade einige Menschen in Fukushima ihr Leben, um den Super-GAU einzudämmen).

Eigentlich müssten sich diese Menschen selbst jede Freude versagen, denn es wird immer im gleichen Moment etwas auf der Welt passieren, was schrecklich ist - und was objektiv wesentlich schwerer wiegt als das subjektive Empfinden.

Aber das wäre dann wohl doch zu anstrengend.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen Text,
    ich hätt's gern genauso gut geschrieben, als ich heut den Mist zu Amy Winehouse und den Kindern am Horn von Afrika las.

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  2. Äußerst passend und sehr naturgetreues Abbild davon, wie so manch selbstbesoffener Berufsmoraliker letztlich gestrickt ist.
    Mitgefühl sollte nie irgendeiner Zensur unterliegen!
    Mit mehr aufrichtigem Mitgefühl sähe unsere Welt wahrlich besser aus.
    Worthülsen und Gesellschaftsrituale bringen niemandem wirklich etwas!

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