Freitag, 29. April 2011

Von U-Bahn-Schlägern und Killerspielen

Dem einen oder anderen Leser meines Blogs ist es vielleicht schon aufgefallen: Manchmal hasse ich Politik. Naja, eigentlich sogar ziemlich oft, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Besonders aber hasse ich Politik dann, wenn in unserem Land etwas passiert, was auf grundlegende gesellschaftliche Probleme hindeutet, und die Politik darauf reagiert, indem eine rein populistische "Lösung" des Problems gefordert oder verkündet wird.

In diesem Fall geht es um die scheinbar immer häufiger werdenden Schlägereien in U-Bahnen - oder vielmehr um die teilweise leider erfolgreichen, teilweise glücklicherweise erfolglosen Versuche mancher Individuen, andere Individuen totzutreten. Beispielsweise weil sie die Frechheit besessen hatten, keine Zigaretten zu haben. Meist werden solche Taten dann auf die schwere Kindheit zurückgeführt - oder auf den Alkohol. So weit, so schlecht.

Die Politik hat da nun leider ein Problem: Die BILD-Leserschaft verlangt nach Lösungen - und da die Todesstrafe in diesem Land leider gegen die Verfassung verstößt, müssen eben andere schnelle "Lösungen" her. Ganz vorne bei der Suche nach diesen Lösungen mit dabei: Mein guter Freund, der bayerische Innenminister Herrman.
Richtig, der Herr, der der Ego-Shooter mit Kinderpornographie auf eine Stufe stellt ("In ihren schädlichen Auswirkungen stehen Killerspiele auf einer Stufe mit Drogen und Kinderpornografie, deren Verbot zurecht niemand in Frage stellt."). Von seinem Sohn, der sich als Erlanger Gangsta-Rapper inszeniert, laut seiner eigenen Texte "Wodka wie Wasser trinkt" und angeblich alles fickt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, will ich jetzt gar nicht anfangen.

Jedenfalls fordert Herrmann nun, dass Nürnberg zum bundesweiten Vorbild wird. Nürnberg deswegen, weil hier seit diesem Jahr der Konsum alkoholischer Getränke in öffentlichen Verkehrsmitteln und Bahnhöfen verboten ist. Wer einmal gesehen hat, wie Gruppen von Jugendlichen auf dem Weg in die Disko in der U-Bahn sitzen und mit Billig-Wodka ordentlich vorglühen, der weiß: Die schlechteste Idee ist dieses Verbot sicher nicht. Nur die Gewalt wird dadurch nicht verhindert werden. Der Alkoholkonsum wird sich verlagern, dennoch werden weiterhin alkoholisierte Menschen auf der Suche nach Streit mit den Öffentlichen fahren. Aber Hauptsache, dem Stimmvieh wird suggeriert, dass man sich des Problems annehme.

Es ist wie mit Ego-Shootern, die seitens der Politik teilweise als Wurzel allen Übels in diesem Land dargestellt werden. Wann immer ein junger Mensch ausrastet oder Amok läuft: Die Ego-Shooter sind schuld. Oder die angeblich viel zu laxen deutschen Waffengesetze. Und anstatt sich der gesellschaftlichen Probleme, die solchen Taten zugrunde liegen, anzunehmen, werden einfache und schnelle "Lösungen" präsentiert. Dass zukünftige Gewalttaten dadurch nicht verhindern werden, scheint nur eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Dabei reicht ein Blick zu unseren direkten Nachbarn, um solche vermeintlichen Lösungen als reinen Populismus zu entlarven. Österreich beispielsweise. In dem Land gibt es sämtliche "Killerspiele" ungeschnitten (was meine Rettung ist, denn auch ich bin - jetzt muss es raus - leidenschaftlicher Killerspiel-Spieler), und die Waffengesetze sind auch wesentlich weniger restriktiv als in Deutschland. Heißt: Eigentlich hätte sich das Land schon längst selbst ausrotten müssen. Seltsamerweise aber gehören Amokläufe oder andere Gewalttaten dieser Art in Österreich zur absoluten Ausnahme - aber das ficht deutsche Politiker auf ihrer Suche nach Problemlösungen nicht an.

So wird es vermutlich kommen, dass bald bundesweit Alkohol in den öffentlichen Verkehrsmitteln tabu ist. Wie gesagt, die Idee ist durchaus gut, nur wird sie das Gewaltproblem nicht lösen - denn wenn Menschen erst dann richtig zu prügeln beginnen, wenn der Gegner bereits bewegungslos am Boden liegt, dann liegt in der Gesellschaft etwas absolut Grundsätzliches im Argen.

Und wenn die Parteien dann feststellen, dass die Schlägereien in den Öffentlichen trotz Alkoholverbots nicht abgenommen haben, muss ganz schnell eine weitere, neue "Lösung" her.

Wer weiß - vielleicht sind zur Abwechslung einmal die Killerspiele schuld.

Mittwoch, 27. April 2011

Wenn die Hilfsbereitschaft auf der Strecke bleibt

Ich hatte die Antwort schon auf den Lippen, als er seine Frage noch gar nicht gestellt hatte. Ich hatte ihn nur aus den Augenwinkeln auf mich zukommen gesehen, als meine Freundin und ich gerade aus dem Auto ausgestiegen waren. Camouflage-Hose, weißes T-Shirt - beide Teile hatten ihre besten Tage schon Jahre hinter sich. Und im Schlepptau natürlich den obligatorischen Mischlingshund. Das machte mir die Antwort leicht: "Nein". Kurz, knapp, kompromisslos. Die Standardantwort auf die Frage eines Fremden, ob ich nicht ein wenig Geld übrig hätte.

Eigentlich bin ich sehr hilfsbereit - außer dann, wenn mich Leute anbetteln. Und auch das war nicht immer so. Ich hatte nur einfach irgendwann die Schnauze voll davon, durch die Stadt zu laufen und an jeder verdammten Straßenecke von Punks um Geld oder Kippen angeschnorrt zu werden. Von Menschen, die demonstrativ auf die Gesellschaft scheißen, sich einen Button der APPD ("Arbeit ist scheiße") an die Jacke pinnen, dennoch aber der Ansicht sind, ich sollte ihnen einen kleinen Teil meines erarbeiteten Geldes abgeben. Da könnte ich eigentlich gleich in meiner Toilette wohnen, so viel möchte ich kotzen. Und dadurch habe ich es mir antrainiert, dieses "nein". Egal, wer der Mensch ist, der mich da um Geld bittet.

Und dann, nach meinem "nein", sah ich mir den Mann an, der mich gefragt hatte.
Er war vielleicht um die 50, war vermutlich mal im Gefängnis (nach den Tätowierungen zu urteilen) - und er war irgendwie gebeugt. Nicht unbedingt äußerlich. Innerlich. Sah meiner Freundin und mir bei seiner Frage kaum in die Augen - und genau so hatte er seine Frage auch gestellt. Nicht mit dem von mir verhassten herausfordernden breiten Grinsen und dem üblichen "Ey, haste ma'n Euro?", sondern leise, irgendwie hoffnungslos. "Entschuldigung, dürfte ich Sie ganz höflich mal was fragen? Haben Sie vielleicht ein paar Pfennig für mich?" Und nachdem ich das verneint hatte: "Ok, bitte seien Sie nicht böse". Sagte er, drehte sich um und ging wieder. Ein Mensch, der nicht bettelte, weil er einfach keine Lust auf Arbeit hatte, sondern weil er sowieso keinen Job mehr findet

In diesem Moment habe ich mich gehasst.

Ich war mit meiner Freundin auf dem Weg zum Nürnberger Volksfest, hatte 35 Euro dabei und hätte ihm problemlos etwas davon geben können. Und ich habe es nicht getan.
Ich kann mich nicht erinnern, wann mir ein Mensch zuletzt spontan so leid getan hat wie dieser Mann, und trotzdem habe ich ihn kein Geld gegeben. Hatte auch nicht den Mut, meinen Irrtum einzugestehen. Ich hätte ihn zurückrufen und ihm einen Fünfer geben können, und ich habe es nicht getan.

Dafür tat es meine Freundin. Sie sah mich einfach nur an, fragte mich "wollen wir ihm nicht doch was geben? Er tat mir so leid." Ich gab ihr meinen Geldbeutel, sie fischte ein paar Euro heraus und lief dem Mann hinterher. Ich blieb beim Auto. Ich weiß nicht genau, warum ich nicht mitging, aber ich glaube, ich habe mich vor mir selbst geschämt.
Als meine Freundin wieder da war, erzählte sie mir, wie sehr sich der Mann gefreut hatte. Glaube ich sofort - so etwas passiert ihm vermutlich einmal pro Jahr (wenn es gut läuft).

Ich bin heilfroh, dass meine Freundin meinen Fehler korrigiert hat, sonst würde ich mich noch wesentlich schlechter fühlen, als ich das ohnehin schon tue. Ich wünschte nur, ich hätte ihm das Geld selbst gegeben.

Aber vielleicht lerne ich ja etwas daraus. Dass ich mir die Menschen, die mich um etwas bitten, einfach mal ein wenig genauer ansehe zum Beispiel. Oder dass man aufpassen muss, dass in der modernen Welt nicht die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Ich hoffe sehr, dass mir das diverse "Haste ma'n Euro"-Punks nicht wieder austreiben.

Dienstag, 26. April 2011

Im Sog der Welt von Warcraft

Hätte mich im Jahre 2005 jemand vor World of Warcraft gewarnt, hätte ich wahrscheinlich nur gelacht. "Das ist ein Computerspiel, keine Droge!" hätte ich vermutlich gesagt - im Brustton der Überzeugung, dass mich doch kein niedlich gemachtes Fantasy-Rollenspiel aus der Bahn werfen könne. Und ich hätte nicht geahnt, wie falsch ich mit dieser Aussage liegen würde.

Gelegentlich trifft es mich heute noch wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Es müsste gut ein Jahr her sein, dass ich abends mit einigen Freunden beisammen saß - einer meiner Freunde führte gerade diverse neue Klingeltöne seines Handys vor. Ich hatte eigentlich gar nicht wirklich zugehört, als plötzlich der tragende, sphärische Soundtrack von Nagrand ertönte - diesem Gebiet in der "Scherbenwelt" von World of Warcraft, das an eine urzeitliche Steppe in der Regenzeit erinnert. Plötzlich sah ich das alles wieder glasklar vor mir, als hätte ich das Spiel erst gestern an den Nagel gehängt. Dabei hatte ich bereits ein Jahr vorher meinen Account verkauft.

Dieser Verkauf war eine Kurzschlusshandlung aus einer spontanen Laune heraus - und ich glaube nach wie vor, dass das die einzige Art ist, aus WoW auszusteigen, wenn einen das Spiel einmal wirklich richtig gepackt hat. Der kalte Entzug, von jetzt auf gleich - und trotzdem ist man nie wirklich clean. Dabei hat alles völlig harmlos begonnen.

"Sinenomen" war mein Name, lateinisch für "ohne Namen" - und ich weiß bis heute nicht, ob das eigentlich grammatikalisch richtig war. Ich war ein Hexenmeister auf Aman'Thul, einem der Server, auf denen die deutsche Version von World of Warcraft läuft.

Es musste ein untoter Hexenmeister sein, da bestand für mich nie ein Zweifel: Hexenmeister stehen, um einen Vergleich zu einer anderen epischen Saga zu bemühen, auf der dunklen Seite der Macht. Ich fand die dunklen Charaktere immer schon interessanter und faszinierender, und ein untoter Hexenmeister bot einfach jede Menge Projektionsfläche für Hintergrund- und Vorgeschichten voller Tragik, Trauer und Tod.

Also habe ich mich - die tragische Geschichte meines Hexenmeisters immer im Hinterkopf - in die Welt von Warcraft gestürzt. Als kleiner Charakter ohne jegliche Erfahrung in Online-Rollenspielen, dafür aber mit umso mehr Enthusiasmus. Ich hatte ein Leben, Freunde, Hobbies und entsprach auch körperlich nicht dem Klischee des vereinsamten "Nerds" mit dicken Brillengläsern, Pickeln und einem Hang zum Übergewicht. Ich war also jemand, der den Verlockungen einer gigantisch großen, interaktiven Spielwelt sicherlich nicht erliegen würde. Das dachte ich zumindest damals, Anfang 2005. Doch ich hatte unterschätzt, wie leicht es mir das Spiel machen würde.

Es ist leicht, in WoW Erfolg zu haben. Besonders am Anfang steigt man sehr schnell in höhere Stufen auf, erlernt neue und mächtigere Zauber, bekommt als Hexenmeister seinen ersten dämonischen Begleiter, und auch wenn man mal das Zeitliche segnet (was durchaus gelegentlich passiert) bleibt die Frustration immer auf einem angenehm niedrigen Niveau.

Es ist leicht, sich in WoW wohlzufühlen und virtuelle Freundschaften zu schließen. Die verschiedenen Gebiete sind zwar eher grafisch naiv und eher comicartig gehalten, dennoch aber ansprechend gestaltet und meist mit ausgesprochen passender Musik untermalt. Und egal was man tut, man ist eigentlich nie wirklich alleine, weil auch nachts mindestens einige hundert Spieler die jeweiligen Server bevölkern. Das ist der besondere Reiz von World of Warcraft.

Und nach einiger Zeit fing es bei mir an, dieses "nur noch schnell". Nur noch schnell diese eine Quest beenden. Nur noch schnell beim Zauberlehrer meine neuen Zauber erlernen. Nur noch schnell einige Gegenstände ins Auktionshaus, die WoW-Variante von eBay, stellen. Nur noch schnell jemandem bei einer Quest helfen. Nur noch schnell auf das Schlachtfeld, um gegen die Spieler der gegnerischen Fraktionen zu kämpfen, was immer meine Lieblingsbeschäftigung war.

Und dann folgte häufig der Schreck beim Blick auf die Uhr, weil schon wieder so viel Zeit vergangen war und ich in dieser Zeit eigentlich andere Dinge hätte tun wollen. Und ich musste erkennen, dass ich - obwohl ich das nie für möglich gehalten hätte - dem Reiz von World of Warcraft doch erlegen war. Dem Reiz, auf meinem Netherdrachen, einem damals extrem seltenen Reittier, durch die Scherbenwelt zu fliegen. Dem Reiz, auf den Schlachtfeldern meistens der Sieger im Kampf Mann gegen Mann zu sein und danach gefragt zu werden "Alter, wie machst Du das?!?" Dem Reiz, einfach ein Teil dieser riesigen virtuellen und doch so lebendigen Welt zu sein, die nie schläft, und die so herrlich kalkulierbar ist.

Im Oktober 2008 habe ich dann schließlich die Gelegenheit zum Ausstieg genutzt. Ich war gerade relativ frustriert über das System des Spieler-gegen-Spieler-Kampfes und habe mein WoW-Abonnement gekündigt. Habe aus einer spontanen Laune heraus die Reißleine gezogen. Im gleichen Atemzug habe ich meinen Account zum Verkauf freigegeben - denn ich wusste, wenn ich ihn nur deaktivieren würde, würde ich schließlich doch wieder weiterspielen. Irgendwann.

Ich möchte World of Warcraft nicht verteufeln, denn es ist wirklich ein unvergleichlich schönes und lebendiges Spiel. Komplex und doch einfach zu verstehen - und es gibt weltweit Millionen von Spielern, die das Spiel einfach als das nehmen, was es ist: Ein Spiel. Und doch gibt es viele Menschen, für die WoW mehr wird. Ich war einer davon.

Man kann sich verlieren in der Welt von Warcraft, und eigentlich hatte ich großes Glück, denn ich habe trotz dieses regelrechten Sogs weder meine Freunde verloren, noch mein Studium oder meine Beziehung in den Sand gesetzt. Aber es war ausgesprochen knapp - und ich kenne Menschen, bei denen verlief es nicht so glimpflich.

Ein Bekannter von mir, der noch deutlich tiefer im Spiel steckte als ich, hat beispielsweise seine Abiturprüfung vergessen. Er hat nicht einfach nur das Lernen für die Prüfung vernachlässigt - er hat tatsächlich vergessen, dass die Prüfung überhaupt stattfindet. Eigentlich wollte er nach dem Abitur Medizin studieren, und nach seinen Noten in der zwölften Klasse zu urteilen, hätte er das auch problemlos geschafft.

Jetzt verkauft er Staubsauger.