Samstag, 23. Juli 2011

Die Usersperren auf Google+ - ein offener Brief

Liebe Leute von Google.

Eines vorneweg: Ich mag Euch. Was erstaunlich ist - angesichts der Tatsache, dass Ihr in den vergangenen Jahren  vermutlich mehr Daten über die Menschheit gesammelt habt, als die NSA seit ihrem Bestehen. Ich habe keine Ahnung, wie Ihr dieses Kunststück fertig gebracht habt - spielt aber auch keine Rolle. Entscheidend ist: Ich mag Euch. Und das nicht nur, weil ich mein Android-Handy liebe.

Ich mag Euch erst recht dafür, dass Ihr mit Google+ etwas auf die Beine gestellt habt, was Facebook durchaus Sorgen bereiten dürfte (siehe meinen letzten Blog-Eintrag). Ach, was schreibe ich denn - dafür mag ich Euch nicht, ich könnte Euch dafür knutschen. Nicht einfach nur ein Kate-William-Hochzeitsbussi geben, sondern einen richtig dicken Schmatzer aufdrücken, der diesen Namen auch verdient hat.

Da gibt es nur leider ein Problem.

Seit einigen Tagen und Wochen sperrt Ihr spontan, ohne Vorwarnung und ohne erkennbares System verschiedene Nutzerprofile auf Google+. Teilweise, weil es sich dabei um eigentlich gewerbliche Seiten handelt, die sich einen Personenaccount zugelegt haben, weil es noch keine Business-Seiten gibt. Das ist ok.
Teilweise, weil diese Accounts unter Fantasienamen und Pseudonymen laufen, die sich die Menschen über lange Zeit hinweg an anderen Stellen des Netzes angeeignet und gepflegt haben. Das ist nicht ok.
Und teilweise, weil - nun ja, das wisst nur Ihr selbst, denn manche der gesperrten Profile waren weder eine gewerbliche Seite, noch handelte es sich dabei um Pseudonyme. Und das ist absolut gar nicht ok.
Schließlich handhabt Ihr diese Sperren auch noch unterschiedlich. Manchmal wird nur das G+-Profil stillgelegt, und manchmal geht gleich der gesamte Google-Account über den Jordan. Kalender, Docs, eMails - plötzlich unerreichbar für den entsprechenden Nutzer, und das auch noch ohne brauchbare Begründung. Ein Worst-Case-Szenario für die Menschen, die die Google-Dienste gerne und viel nutzen. Ich bin übrigens auch ein solcher Mensch.

Ich will jetzt mal nicht darauf eingehen, wie wichtig es für manche Menschen ist, ihren Realnamen nicht im Internet zu lesen - das haben andere Blogger zur Genüge ausgeführt. Mir geht es um etwas anderes.

Ihr braucht mich nämlich. Dringend. Nicht unbedingt mich als Mensch, sondern mich als Early Adopter. Als spielfreudigen Technik-Freak, der gerne neue Internet-Innovationen ausprobiert und - bei Gefallen - andere Menschen überzeugt, sich ebenfalls damit zu beschäftigen. In einem bescheidenen Rahmen zwar, aber immerhin.
Google+ verbreitet sich viral, und ich bin einer der vielen Viren, die andere Menschen mit dem Gedanken infizieren, dass Google+ voll toll ist. Was ich sogar gerne mache, denn ich bin von dem Netzwerk und seinen Möglichkeiten nach wie vor begeistert.

Das Dumme ist nur, dass ich den Gedanken, möglicherweise irgendwann spontan ohne Account dazustehen, nur weil ein Such-Algorithmus bei Euch meinen Namen für ein Pseudonym hält, extrem unprickelnd finde. Genauso unprickelnd übrigens wie den Gedanken, Euch danach erst mal auf verschiedenste Art und Weise davon zu überzeugen, dass ich tatsächlich existiere, um dadurch vielleicht wieder an meinen Account zu kommen.
Und wenn ich etwas extrem unprickelnd finde, habe ich nicht nur Hemmungen, mich dem auszusetzen, sondern ich könnte darüber hinaus auf den Gedanken kommen, dass ich in Sachen Google+ den Ball lieber ganz flach halte. Nicht dass irgendwann einer meiner geschätzten wirklichen Freunde vor mir steht und mich fragt, was ich denn da bitte für einen sensationellen Schrott empfohlen habe.
Darüber hinaus könnte ich auf die Idee kommen, dass diese ganze Geschichte mit der Speicherung persönlicher Daten in der Cloud ja ganz brauchbar klingt - dass ich meine Daten aber vielleicht doch lieber ausschließlich auf diversen Festplatten lokal ablege. Schließlich kann mich da niemand aussperren.

Darum bitte ich Euch um eine Sache: Werdet Euch möglichst schnell darüber klar, was Ihr da tut. Google+ hat das Potential, Facebook zum neuen Myspace zu machen - aber das wird nur geschehen, wenn Euch Menschen (wie ich) vertrauen und andere Menschen mitziehen. Also erinnert Euch an Eure eigenen Worte hinsichtlich der Anonymität im Internet (vor einigen Monaten fandet Ihr die nämlich noch außerordentlich wichtig) - und erinnert Euch an Euren Slogan: "Don't be evil". Noch bin ich geneigt, Euch diesen Slogan abzunehmen.


Also bitte: Versaut das jetzt nicht.

Dienstag, 5. Juli 2011

Überfällig oder zu spät? Gedanken zu Google+

(Nachtrag am Ende des Textes)


Zunächst mal seien wir ehrlich: Eigentlich hat Google den Trend zu sozialen Netzwerken grandios verpasst.

Während Google eine Suchmaschine war, hatten die Musiker MySpace. Schüler, Studenten und all die anderen mitteilungsbedürftigen Zeitgenossen hatten jeweils ihr eigenes VZ. Dann schwappte Facebook über den großen Teich, räumte vor allen Dingen durch Spielchen wie Farmville die technisch veralteten VZs leer und saugte auch dem zu Tode renovierten MySpace die letzten noch verbliebenen User ab.
Und auch wenn Facebook wegen eines höchst merkwürdigen Verständnisses von "Datenschutz" so regelmäßig in den Schlagzeilen auftauchte, wie sich die User  untereinander vor den neuesten Einstellungstricks der Facebook-Macher warnten, so riss die Beliebtheit des Netzwerks dennoch nicht ab. Wie sollte sie auch? Schließlich war Facebook alternativlos geworden - und Monopole haben nun mal die natürliche Eigenart, dass ihre Inhaber im Wesentlichen tun und lassen können, was sie wollen. Man nimmt es als User halt hin, denn die einzige Alternative ist der totale Verzicht.

Entsprechend gespannt war ich, als Google den Start eines eigenen Netzwerks mit dem etwas unglücklichen Namen Google+ ankündigte, das von der Anlage her der Gegenentwurf zu Facebook sein sollte: Stets wurde betont, dass die User die Macht über ihre Daten behalten sollen. Ist zwar an sich eine absurde Äußerung aus dem Mund der Datenkrake Nummer 2 (neben Facebook), sorgt aber zunächst trotzdem für eine gewisse Grundsympathie. Außerdem bin ich sowieso ein Spielkind und liebe die Herausforderungen virtueller Innovationen.

Und ganz ehrlich: Bei Facebook bin ich ausschließlich, weil es letztlich keine ernstzunehmende Alternative gab, um mit alten Freunden und weiter entfernten Bekannten in Kontakt zu bleiben. Google+ dagegen ist anders. Ich habe derzeit 12 Personen in meinen "Kreisen" - was gerade 10% der Menschen sind, die bei Facebook in meiner Freundesliste habe - und trotzdem bin ich bei Google+ jetzt schon wesentlich mehr unterwegs als bei Facebook. Denn G+ ist etwas, was Facebook nie war und wohl nie sein wird: Sympathisch. Das liegt nicht am Reiz des Neuen oder an einem gewissen Interesse an einem gesunden virtuellen Wettbewerb. Es liegt am Gesamtkonzept.

Bei G+ habe ich das Gefühl, nicht letztlich von den Betreibern über den Tisch gezogen zu werden. Ich habe nicht das Gefühl, mich mit den Machern des Netzwerks in einem endlosen Wettlauf  um meine Privatsphäre zu befinden, weil im Hintergrund ständig irgendwelche Einstellungen vorgenommen wurden, die ich so nicht haben möchte, und die nach außen natürlich auch nicht (oder nur unzureichend) kommuniziert werden. Denn letztlich ist es doch so: Bei Facebook muss ich Grundeinstellungen rückgängig machen, um zumindest einen Hauch von Privatsphäre zu erhalten. Im Grunde genommen sollte es exakt umgekehrt sein - und genau das könnte einer der Hebel sein, an dem G+ ansetzen kann.

Google+ sieht auf den ersten Blick tatsächlich aus wie Facebook und fühlt sich zunächst auch ähnlich an - allerdings nur, bis man das Netzwerk mal eingerichtet und die ersten Postings erstellt hat. Dann zeigt sich, wie großer Wert bei G+ auf die individuellen Freundschaften gelegt werden - denn im normalen Leben teilt man nun mal andere Dinge mit den Arbeitskollegen als beispielsweise mit engen Freunden. Und während ich bei Facebook meine normalen Statusmeldungen erst mal pauschal allen "Freunden" mitteile und - wenn ich das nicht möchte - einzelne Nutzergruppen (falls ich überhaupt welche definiert habe) von meinen Postings ausschließen muss, sind die verschiedenen Bekanntenkreise eines Menschen elementarer Bestandteil der Interaktion bei G+. Ein weiterer, gewichtiger Vorteil gegenüber Facebook.

Natürlich steckt das Netzwerk noch in den Kinderschuhen. Einige Funktionen fehlen noch, und auch ansonsten dürften sich in den kommenden Wochen und Monaten noch einige Dinge ändern, doch vom Grundkonzept her muss ich sagen: Das könnte was werden - und das nicht nur für Menschen, die von  Facebook eigentlich genervt sind. Schließlich unterscheidet man im normalen Leben auch verschiedene Bekanntenkreise. Warum also nicht auch in unseren Netzwerken?

Und ganz ehrlich: Ein bisschen Angstschweiß auf dem Gesicht von Facebook fände ich irgendwie äußerst ansprechend...


Nachtrag - 14.07.2011:


Nun sind weitere neun Tage vergangen, in denen ich mich weiterhin recht intensiv mit Google+ beschäftigt habe - und mein anfänglicher Enthusiasmus hat sich noch immer nicht verflüchtigt. Im Gegenteil: Je mehr ich mit den verschiedenen Kreisen und individuellen Einstellungen der Privatsphäre hantiere, desto mehr Spaß macht das Netzwerk. Ich habe mich sehr schnell an die Handhabung meiner Kreise beim Posten von Neuigkeiten gewöhnt - daran, dass ich beispielsweise problemlos meinen Twitter-Kreis mit kleinen Belanglosigkeiten versorgen kann, ohne meinen Freunden und Bekannten mit diesen Dingen auf die Nerven zu gehen. Diese Funktionalität und ihre intuitive Handhabung ist nach wie vor das, was mich an Google+ am meisten begeistert.


Allerdings sehe ich mittlerweile auch einige Schwachstellen, die zum Teil noch ausgeräumt werden dürften, während andere im Aufbau von G+ selbst bedingt sind.

Beispielsweise stört es ein wenig, dass Beiträge, wenn sie von mehreren Leuten in meinen Kreisen geteilt werden, auch mehrfach in meinem Stream auftauchen. Ich gehe allerdings davon aus, dass diese Darstellung nicht beabsichtigt ist und irgendwann in absehbarer Zeit geändert wird, so dass Beiträge nur noch einmal erscheinen.

Etwas allerdings, was mich jetzt schon massiv nervt, sind die User-Sammler (zumindest nenne ich sie so). Dadurch, dass Kontakte nicht wie bei Facebook auf Gegenseitigkeit ausgelegt sind, sondern Jeder erst mal prinzipiell Jedem folgen kann, scheint sich G+ schon jetzt zu einem zweiten Eldorado für diese ganzen selbsternannten Marketing-Experten zu entwickeln, die mir schon bei Twitter ordentlich auf den Senkel gehen. Menschen, denen es nicht um den einzelnen User geht, sondern deren einziges Ziel es ist, von möglichst vielen Leuten gelesen zu werden, um ihre Botschaft an den Mann zu bringen. Wie auch bei Twitter folgen diese Menschen scheinbar erst mal pauschal jedem User, der nicht bei 3 auf den Bäumen ist - in der Hoffnung, dass man sie selbst auch in seine Kreise aufnimmt.

Wobei die Marketing-Menschen nicht die einzigen User sind, die so vorgehen: Ich habe das Gefühl, dass manche Leuten von der Aufbruchsstimmung bei Google+ derart aufgepeitscht werden, dass sie die gesammelte Userschaft als große, virtuelle Familie ansehen, die am besten komplett zu ihren Kreisen hinzugefügt werden muss. Ich meine, ich habe ja auch gerne viele Kontakte, allerdings lege ich dabei Wert auf ein bestimmtes (und manchen Usern scheinbar unwichtiges) Detail: Ich möchte die Menschen kennen, die ich in meinen Kreisen habe - sei es virtuell (z. B. aus Foren oder von Twitter), oder sei es real. Extrem retro, ich weiß. Aber so bin ich nun mal.

Insbesondere die User-Sammler könnten diverse Menschen, die aus der behüteten Welt von Facebook in G+ hineinschnuppern, durchaus verunsichern und abschrecken, weswegen ich diese Entwicklung eher kritisch betrachte - auch wenn das natürlich kein wirkliches Problem ist, da man diese Menschen ja nicht in seine Kreise aufnehmen muss.
Aber naja, vielleicht renkt sich das alles wieder ein, wenn die Euphorie verflogen ist und bei Google+ so etwas wie Normalität einkehrt.


Letztlich aber ändern auch die Kritikpunkte nichts an meinem Fazit: Google+ macht Spaß und ist sympathisch - und am wichtigsten: Es hat meiner Ansicht nach ein enormes Potential.