Mittwoch, 15. August 2012

Apple - vom Sympathieträger zum Patenttroll. Geschichte eines Niedergangs

Eigentlich muss ich Apple danken - und das meine ich ernst. Hätte die Firma das erste iPhone in größeren Stückzahlen auf den Markt gebracht, wäre mein Mobilfunk-Leben anders verlaufen.

Ihr erinnert Euch: Vor fünf Jahren revolutionierte Apple den Markt der Smartphones durch das erste iPhone. Es war anders, es war neu, es sah toll aus, jeder wollte es - und (fast) niemand bekam es. Die Stückzahlen zum Marktstart waren (absichtlich?) so gering, dass die Leute teilweise mehrere Monate auf ihr iPhone warten mussten. Ich war einer davon.

Seit 1997 - als ich stolzer Besitzer eines Siemens S6 war - begeisterte ich mich für Handys und wollte das iPhone, sobald ich das erste Bild gesehen und die ersten Erfahrungsberichte gelesen hatte. Ich wollte es sogar noch, als die Telekom mir mitteilte, ich könne es zwar nicht vorbestellen, mich dafür aber als Käufer vormerken lassen. Sollte der Laden dann irgendwann in ferner Zukunft mal wieder eine kleine Ladung Geräte geliefert bekommen, würde man mich anrufen. Und so wartete ich.

Auch nach zwei Monaten wartete ich noch, als mir das Schicksal einen Stoß gab: Mein Sony Ericsson W800i verabschiedete sich, ein neues Handy musste her - und an einem Tag, an dem ich ohnehin schon ein wenig genervt war, dachte ich mir: "Ihr könnt mich, Apple". Ich schickte das W800i in den wohlverdienten Ruhestand, kaufte mir ein Sony Ericsson C902 und war zufrieden.
Ein paar Tage später rief mich die Telekom an und teilte mir mit, dass ich jetzt - falls ich noch wollte - ein iPhone haben könne, es wären ein paar Geräte gekommen. Ich biss mir kräftig in den Hintern und lehnte schweren Herzens ab. Sehr schweren Herzens, denn damals war Apple noch cool. Richtig cool.

Ich fand Apple immer schon irgendwie faszinierend. Die Firma, die Computer und ihre Software hatten eine unkonventionelle und gleichzeitig unvergleichlich ernsthafte Aura. Computer für Profis. Nicht für Spieler, sondern für Anwender. Auf der einen Seite stand der träge, massentaugliche Goliath Microsoft, der die Windows-Allerweltskost für die Durchschnittscomputer von Max Mustermann herstellte. Die Firma, die eigentlich niemand wirklich mochte, deren Produkte aber trotzdem jeder benutzte (mich eingeschlossen). Und auf der anderen Seite der David Apple. Der immer etwas elitäre und schräge, trotzdem aber sympathische und von den Fähigkeiten her haushoch überlegene Underdog.

Und als dann auch noch der iMac erschien, war Apple nicht mehr nur unkonventionell und ernsthaft, sondern auch noch schlicht cool. Hätte ich damals Geld gehabt, ich hätte mir einen iMac gekauft. Und hätte ein Händler meine Seele in Zahlung genommen, hätte ich mich sogar auf diesen Deal eingelassen. Dann kam der iPod. Cool. Dann das iPhone und der iPod Touch. Verdammt cool.

Aber irgendwie sollte es nie sein, dass ich eines der Geräte besessen habe - es kam immer etwas dazwischen. Und heute muss ich sagen: Das war gut so. Sehr gut sogar.

Denn von der Firma, die ich mal bewundert habe und deren Produkte ich immer haben wollte, hat sich Apple in etwas anderes verwandelt. Microsoft war als Goliath zwar nicht sonderlich sympathisch, aber man konnte sich mit der Firma arrangieren. Apple dagegen - mittlerweile selbst zum Goliath geworden - wurde anders. Kontrollsüchtig. Verschlossen. Gierig. (Größenwahnsinnig?) Die Church of Scientology der IT- und Mobilfunkwelt.

Was ist nur passiert? Wie konnte sich dieser kleine, sympathische Underdog in einen außer Kontrolle geratenen Patenttroll verwandeln, der es nicht nur schafft, Patente für Rechtecke mit abgerundeten Ecken und bunten Icons (iPad) zugesprochen zu bekommen, sondern der darüber hinaus auch noch Richter dazu bewegen kann, aufgrund dieser absurden Patente die Produkte der Konkurrenz zu verbieten (wie es das Landgericht Düsseldorf mit dem Samsung Galaxy Tab getan hat)? Ich weiß es nicht, aber ich finde es erschreckend.

Oder eigentlich finde ich es eher beschämend. Ich finde es beschämend, dass eine Firma innerhalb weniger Jahre ihre außergewöhnlichen schöpferischen Talente und ihre hervorragende Reputation komplett über Bord wirft, um stattdessen lieber die Rechtsabteilung aufzupumpen und zu einem "Atomkrieg gegen Android" (sinngemäßes Zitat Steve Jobs) in die Welt zu ziehen. Abmahnung ist die neue Innovation? So etwas erwarte ich von halbseidenen Rechtsanwalts-Kanzleien, nicht aber von einer der ehemals größten schöpferischen Kräfte der IT-Welt.

Ich möchte mich hier nicht darüber auslassen, ob Samsung die Geräte von Apple kopiert hat, denn teilweise war der Vorwurf sicher nicht unberechtigt. Ich betone: War. Doch darum scheint es Apple längst nicht mehr zu gehen, denn die Smartphones anderer Hersteller sind mittlerweile selbst nach massivem Alkoholkonsum nicht mehr mit Apple-Produkten zu verwechseln. Auch nach dem zehnten Bier (sollte man dann überhaupt noch etwas sehen) sieht ein iPhone 4s weder aus wie ein Galaxy Nexus, noch wie ein Samsung Galaxy S3 oder ein HTC One X. Schon alleine wegen des - man verzeihe mir diesen kurzen Seitenhieb - bemitleidenswert kleinen Displays des iPhone. Aber wie gesagt, darum geht es mir nicht.

Es geht mir vielmehr darum, dass Apple bei seinem Kampf gegen Samsung (= Android = Google) jeglichen Maßstab verloren hat. Es geht hier nicht mehr um kopierte Handys von vor vier Jahren, es geht um blinde Rache. Und das ist einfach nur traurig, wenn man bedenkt, was und wie Apple einmal war.

Nach meinem C902 habe ich mir übrigens ein C905 zugelegt. Danach fand ich, es wäre Zeit für ein Smartphone. Es wurde ein HTC Desire. Mein erster Schritt in die Welt von Android, in der ich nach dem HTC Sensation und aktuell dem Galaxy Nexus und dem Asus Transformer Prime heimisch geworden bin und es auch bleiben werde. Und gleichzeitig bleibt mir nur die Gewissheit, dass ich mir nach Apples unzähligen Versuchen, die Konkurrenz lieber im Gerichtssaal statt auf dem freien Markt zu schlagen, in diesem Leben mit Sicherheit kein Produkt der Firma zulegen werde. Und es bleibt die eine Frage:

Wie kann eine ehemals so coole Firma wie Apple nur derart tief sinken?

Kommentare:

  1. Drink am Besten einen Apple Cider, dann bist Du schneller besoffen als nach 10 Bier;-D Vermutlich nutzen das auch die Apple Anwälte und Experten.

    Nicht mal die Apple Stores sind mehr kundenfreundlich oder scheren sich um Accessibility, war eben erst in London, dem Austragungsort der Paralympics. Und die Hauptaufgabe der "Apple Geniuse" war es alle 5 Minuten Kinderwägen die Stahl- und Glastreppe hinauf- und hinunterzuschleppen. Für gescheiten Lift war am mondänen Standort Regent Street wohl kein Bedarf?;-/

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    1. Der Lift hätte wahrscheinlich das Design vom Interieur kaputt gemacht. Andererseits könnten sich die Mütter und Väter dieser Welt auch einfach einen Babysitter oder eine Oma besorgen, statt die "Geniuse" für Transportaufgaben in Anspruch zu nehmen.

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  2. und was ist mit den ganzen körperbehinderten,die wegen der paralympics angereist sind?sind das nur kunden 2.klasse die das design verschandeln?

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  3. Welch herber Verlust für Apple. Nie ein Produkt gekauft und nicht vor das zu ändern. Wofür dann die Mühe? Völlig sinnloses Aktion. Das kleine Display des iPhone ist mir lieber als das überdimensionierte Teil von Samsung, so unterschiedlich sind die Geschmäcker.
    Aber ich tippe mir nicht den Frust aus der Seele, irgendwie haben da Android Nutzer ein Bedürfnis für. Ich nutze übrigens beide Systeme. Wenn mir was nicht gefällt, kaufe ich es nicht. Ohne zu missionieren. Amen ;-)

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